Interview: Kontaktfreie Konfliktklärung

Vom Umgang mit alten und neuen Konflikten in der aktuellen Krise: Der Mediator Siegfried Rapp beantwortet häufige Fragen zur Möglichkeit, Konflikte kontaktfrei zu klären.

Das Coronavirus hat die Welt auf den Kopf gestellt. Manche fragen sich, ob das Virus die Welt nicht eher auf die Beine gestellt hat. Der Himmel ist – sogar in Peking – so blau wie lange nicht, die Natur und die ganze Erde atmen durch. Die Menschen werden bewusst. Physische Schutz-Distanz erzeugt häufig innere Verbundenheit. Gleichzeitig fehlt Gewohntes. Kein Fußball, kein Konzert, kein Fitnessstudio, kein Treffen mit Freunden schafft Ausgleich in der Isolation. Neue Ängste und neuer Stress entstehen. Wie komme ich mit der Isolation zurecht? Wie geht es mit mir und meinem Arbeitsplatz weiter? Ärger, Aggressionen und Konflikte in Beruf und Familie steigern sich. Der Mediator Siegfried Rapp vom LIKOM-Institut beantwortet Fragen von Bürgern aus dem privaten und geschäftlichen Bereich über die Möglichkeit, Konflikte in dieser speziellen Situation zu vermeiden, zu lösen oder extern kontaktfrei zu klären.


Herr Rapp, als Mediator beschäftigen Sie sich seit 20 Jahren mit der friedlichen Lösung von Konflikten. Was macht die aktuelle Situation so besonders?

Wir persönlich und alle Menschen weltweit erleben eine Pandemie, also eine bedrohliche Situation, wie wir sie bisher noch nie hatten. Niemand weiß, wie es weitergeht, wen das Virus befällt, wie lange der Ausnahmezustand anhält. Wir haben für viele neue Probleme noch keine Antworten. Einerseits setzt diese Bedrohung enorme Energien frei, andererseits erzeugt sie Unsicherheit und Angst. Wir ahnen, dass die Welt nach Corona nicht mehr dieselbe sein kann wie davor.

Welche Lebensbereiche sind besonders anfällig für Konflikte?

Alle Lebensbereiche sind betroffen. Singles müssen sich plötzlich neu mit ihrer Situation beschäftigen, Paare verbringen mehr Zeit zusammen, Kinder sind auch vormittags zuhause, Eltern werden zu Lehrern ihrer eigenen Kinder, viele Branchen im Bereich Tourismus, Handwerk, Dienstleistung müssen ihre Geschäfte schließen, Firmen beschließen Kurzarbeit und Entlassungen. Sport, Kultur und Essen gehen entfallen. Kaffeekränzchen für Ältere, Aktivitäten für Berufstätige und Chillen in Gruppen sind nicht mehr möglich. Viele Möglichkeiten des Ausgleichs und der Entspannung fallen weg. Spannungen können sich so eher aufbauen.

Woran erkenne ich, dass sich eine schwierige Situation aufbaut?

Oftmals kennen wir ja schon unsere Reizwörter und unsere empfindlichen Punkte. Bestehende Konflikte können durch vermehrtes Grübeln größer werden, mehr Nähe zu wenigen Personen in der Familie kann Reibungen erhitzen, berufliche Probleme und Existenzängste lassen das Aggressionspotenzial steigen. Interkulturelle Beziehungen sind besonders gefordert.

Wie kann ich vermeiden, dass aus einer Problem-Mücke ein Elefanten-Krieg wird?

Sie sollten die Problem-Mücke einfangen, solange sie noch klein ist. Also ein Problemchen ansprechen, ruhig, ohne Vorwurf und mit einer Ich-Botschaft. In der Familie kann der Satz lauten: „Ich möchte mit dir gerne in Ruhe über folgendes Thema sprechen…“ Im Betrieb setzen sich Betriebsrat und ArbeitnehmerInnenvertreter und beraten gemeinsam oder der Handwerksmeister bittet seine MitarbeiterInnen präventiv zum offenen Krisen-Gespräch. 

Wie schnell und wie stark können Auseinandersetzungen eskalieren?

Die Menschen sind in ihrem Temperament sehr unterschiedlich. Manche gehen bei einem Reizwort sofort an die Decke, andere nehmen es sich schwer zu Herzen und zeigen ihren Ärger indirekt. Wir reden auch von kalten und heißen Konflikten. Kalte Konflikte können lange unter dem Teppich schwelen und dann plötzlich ausbrechen. Bei heißen Konflikten schließt ein/e Beteiligte/r manchmal die Fenster, damit nicht alle Nachbarn oder die Arbeitskollegen mithören. Alle Konfliktformen können durch die aktuelle Situation begünstigt werden.

Wo können besonders schwierige Situationen entstehen?

Schon bestehende leichtere Konfliktkonstellationen können sich durch die aktuellen äußeren Umstände weiter verschärfen. Solche Eskalationen sind möglich bei Paaren in schwierigen Beziehungen, ungeklärten Erbgemeinschaften, bei Alleinerziehenden, in kleinen und mittleren Betrieben, Verwaltungen und Organisationen, in Vereinen, bei Geschäfts- und KooperationspartnerInnen.  Häufig gab es hier schon bisher nicht geklärte Spannungen. Aber auch neue Konflikte können durch die bisher unbekannte Corona-Situation entstehen.

Was kann ich tun, wenn ein Konflikt so schlimm ist, dass ich ihn selbst nicht mehr lösen kann?

Sie sollten innehalten, nachspüren und bedenken, was noch machbar ist. In jedem Fall können Sie noch einen „letzten Versuch“ anbieten oder FreundInnen und Bekannte hinzuziehen. Sie können darauf verzichten, nochmals Öl ins Feuer zu gießen und sie können sich Bemerkungen verkneifen, die den Konflikt befeuern würden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie aus dem Hamsterrad oder der Konfliktmühle nicht mehr selbst herauskommen, dann können Sie sich externe und professionelle Hilfe holen.

Bei welchen Konflikten ist Mediation besonders wirkungsvoll und hilfreich?

LIKOM unterstützt seit 20 Jahren Menschen in Konfliktsituationen. Mediation hilft besonders, wenn Menschen eine faire und außergerichtliche Lösung suchen wollen. Wir haben festgestellt, dass Mediation ganz besonders hilfreich ist in Konstellationen, in denen Menschen nicht einfach vor dem Konflikt davonlaufen können, sondern auch in Zukunft noch miteinander zu tun haben. Viele Kunden sagen uns nach der Mediation, wie gut es war, zuerst diesen Weg gegangen zu sein. Die Qualität dieses Verfahrens sehen wir auch darin, dass wir in 70-80% der Fälle eine gute Lösung finden.

Bei der Mediation setzt man sich in der Regel mit einem Mediator zusammen an einen runden Tisch und bespricht die Themen. Was kann man tun, wenn jetzt, in Zeiten von Corona, ein persönliches Treffen nicht empfehlenswert ist oder ich mich nicht persönlich mit meinem Gegner zusammensetzen möchte?

Diese Konstellation haben wir recht häufig. Aus diesem Grund haben wir bei LIKOM das Verfahren der telefonischen Konfliktlösung zu einer besonderen Spezialität entwickelt. Mit unserem MediatorInnen-Netzwerk lösen wir im gesamten Bundesgebiet jedes Jahr mehr als 3 000 Konflikt-Fälle am Telefon. Diese Möglichkeit der kontaktfreien Konfliktlösung könnte jetzt in dieser schwierigen Corona-Zeit vielen Menschen privat und beruflich helfen.

Sie haben Fragen oder ein Anliegen? Kontaktieren Sie uns, wir sind für Sie da von Mo. – Fr., 8 – 19 Uhr unter der Rufnummer 07141 688 7999 oder per E-Mail an info@likom.info